2023: LWWS XI – „Ewige Jugend- Zukunftsmusik oder Gegenwart?“
Wann: Fr, 29.09.2023 - Die, 03.10.2023
Wo: Jugendherberge Freiburg
Wer: 50 Stipendiat:innen und Alumnae/i aller Fachbereiche
Organisationsteam: Marcel Horning, Katharina Lotter, Leon Rauschning
Ewige Jugend, Schönheit und die Angst vor dem Altern (oder das Streben danach?) beschäftigt die Menschheit nicht erst seit der Antike. Seit dem Urknall und eventuell bereits schon davor altert das Universum und seit es Leben gibt, existiert auch der Kampf um das Überleben – welches Individuum lebt länger, welche Spezies überdauert und welche stirbt aus? DNA-Reparaturmechanismen, die dem natürlichen Verfall entgegenwirken, findet man in fast allen Lebensformen. Manche haben zudem ganz besondere Mechanismen entwickelt, die ein langes Leben ermöglichen: Zum Beispiel besonders lange Telomere oder auch nachwachsende Extremitäten. Die Menschheit wird mit zunehmender Lebenserwartung vor neue Herausforderungen gestellt: Heutzutage spielen “geriatrische Erkrankungen”, Verschleißerscheinungen und Degeneration eine immer bedeutendere Rolle. Auch das Bild der Gesellschaft wandelt sich: Das Renteneintrittsalter steigt, der demographische Wandel schreitet immer schneller voran und immer häufiger ist nicht mehr die körperliche Leistungsfähigkeit, sondern der geistige Verfall limitierend.
Der Begriff des Alterns wird in den einzelnen Lebenswissenschaften dabei ganz verschieden eingesetzt. Wir möchten Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Konzepten herausarbeiten und die Bedeutung der multiperspektivischen Betrachtung im Laufe des Wochenendes unterstreichen. Wenn sich verschiedene Disziplinen mit demselben Thema beschäftigen, ergeben sich oftmals ganz außerordentlich inspirierende Ideen und Diskussionen.
Für das diesjährige Seminar haben wir im Voraus folgende drei Kernfragen zum Hauptthema der Alterung herausgearbeitet:
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Was ist Altern?
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Ist “Ewiges Leben” möglich? Wird die Lebenserwartung weiterhin steigen?
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Welchen Einfluss hat das Altern auf die Gesellschaft, und wie wird sich dieser in Zukunft ändern?
Der letzte Tag wurde zur Synopse genutzt, um nochmals einzelne Aspekte der vorangegangen Tage hervorzuheben und diese Fragen abermals mit dem neu erlangten interdisziplinären Wissensstand kritisch zu reflektieren.
In die erste Frage führte uns Professor Flatt von der Universitè de Fribourg ein. Er stellte das Altern insbesondere in den Kontext des Selektionsdruckes und beleuchtete molekularbiologische Aspekte wie beispielsweise die Mutationsakkumulation im hohen Alter. In Bezug auf diese Frage beschäftigten wir uns jedoch nicht nur mit Prozessen im hohen Alter, sondern auch mit vorzeitigem Altern und der gesunden Kindesentwicklung, gewissermaßen dem Gegenstück zum Altern. Diese konnten wir in vivo im Rahmen der Exkursion in die Kinderklinik beobachten.
Zur Beantwortung der zweiten Fragen lenkte Prof. Geiger vom Institut für Molekulare Medizin an der Universität Ulm unseren Blick über die Grenzen des Sichtbaren hinaus auf die zelluläre Ebene, auch abseits des Menschen. Prof. Geiger stellte seine Forschung zur zellulären Polarität und deren Abnahme mit zunehmendem Altern vor. Er beleuchtete zudem experimentelle Methoden, mit denen die altersassoziierte Depolarisierung umgekehrt und die jugendliche Organisation der Zelle wiederhergestellt werden kann – zumindest in Mäusen. In anderen Organismen finden sich eindrucksvolle Mechanismen, um das Altern nahezu zu stoppen, wie es bei Bärtierchen der Fall ist. Andere Tiere haben die Fähigkeit zur Regeneration ganzer Extremitäten entwickelt. Die ihr ganzes Leben im Larvenstadium verbringenden Axolotl haben sozusagen bereits die ewige Jugend realisiert.
Neben spannenden Vorträgen unserer engagierten Teilnehmer gab es Samstagnachmittag auch eine das Seminar bereichernde, vielfältige Postersession. Hier wurden unter anderem Themenkomplexe wie Palliativmedizin im Alter, Strukturvariantendetektion, aber auch endosymbiontische Lebensgemeinschaften zwischen Bakterien und Pilzen beleuchtet.
Einen Einblick in die Phytomedizin und Anwendung pflanzlicher Extrakte und Wirkstoffe im Bezug auf Altersleiden erlaubte die zweite Exkursion in den botanischen Garten. Neben diesen Kernthemen des Seminars behandelte die Führung durch den botanischen Garten auch den Bionik-Lehrpfad des Lehrstuhls für Pflanzenbiomechanik an der Universität Freiburg.
Unsterblichkeit spielt ebenfalls eine essentielle Rolle in der Forschung. Beispielsweise sind einige ubiquitär eingesetzten Zelllinien immortalisiert. Ein Aspekt der entwicklungsbiologischen Forschung ist die kontrovers diskutierte synthetische Embryogenese. Wir bekamen außerdem Einblicke in Methoden zur Rekonstruktion von Genexpressionsprofilen ausgestorbener Spezies aus Museumsstücken und erweiterten unseren Blick in die Vergangenheit darüber hinaus, um zu erkunden wie ancient DNA uns Rezepte für in der Natur bereits ausgestorbene Antibiotika geben kann, wie bei Paläofluran geschehen. Des Weiteren gab es in einem weiteren Teilnehmervortrag eine systematische Übersicht über Anti-Aging-Ansätze. Ein wichtiger Punkt hierbei war die Differenzierung zwischen Lifespan und Healthspan. In einem spannenden Keynote Talk stellte Frau Professor Hägg vom Karolinska-Institut verschiedene Methoden zur epidemiologischen Messung dieser Größen vor, unter anderem aufbauend auf einer Messung des Epigenoms. Frau Professor Stingl von der RWTH Aachen berichtete von ihrer Polypharmazie-Sprechstunde und dem Ziel, die health-span durch besseres und systematischeres Medikationsmanagement zu verlängern, indem gefährliche Medikamenten-Interaktionen vermieden werden.
Am kontroversesten diskutiert wurde die dritte Frage, wie wir gesellschaftlich das Altern verstehen und entstigmatisieren können. Eben jene Wahrnehmung, sowie persönliche Erfahrungen spiegelten sich in wortgewandten literarischen Poetry Slams wider.
Am Beispiel der Blue Zones wurden mögliche Faktoren, die ein langes Leben ermöglichen, erörtert und der Umgang anderer Kulturen mit hohem Altern dargestellt. Neben der lebenswissenschaftlichen Perspektive auf die Prozesse, Chancen und Risiken des Alters, gab es auch Beiträge die sich mit der Entstigmatisierung des Alterns, sowie den rechtlichen Grundlagen der Patentierung von Medikamenten – ganz besonders einem hypothetischen Jugendelixir – beschäftigten.
Um abschließend auf unsere zuvor formulierten Leitfragen zurückzublicken, lässt sich sagen, dass wir Frage 1 betreffend viele detaillierte Beschreibungen der Alterungsprozesse nicht nur verschiedener Spezies, sondern sogar verschiedener Zelltypen erhalten haben. Aus einer medizinischen Perspektive kam hier immer wieder die Differenzierung von Lifespan und Healtspan zur Sprache, da vor allem eine Erweiterung der Healthspan wünschenswert ist. Die Frage, ob die Ewige Jugend bereits greifbar ist oder noch in ferner Zukunft liegt, ließ sich nicht abschließend beantworten, jedoch untersuchten wir gemeinsam die Ergebnisse und Limitationen aktueller Forschungsansätze, deren Ziel eine Verlängerung der Lebensspanne ist. Durch den interdisziplinären Charakter des Seminars konnten wir uns über die fünf Tage hinweg auch immer wieder mit der Frage beschäftigen, welchen Einfluss der mit einer zukünftigen ewigen Jugend einhergehende demographische Wandel auf die Gesellschaft haben wird. Hier kamen wir immer wieder auf den Punkt zurück, dass ältere Menschen eine aktivere Integration in das gesellschaftliche Sozialleben benötigen.
Unser großer Dank gilt unseren Teilnehmenden selbst, die durchweg motiviert und mit viel Engagement dabei waren. Einige bekannte und viele neue Gesichter haben sich sehr konstruktiv eingebracht und die Veranstaltung zum Erfolg gebracht. Unsere Gastdozierenden haben mit Motivation und Expertise das Seminar enorm bereichert. Sie haben es verstanden, die Grundlagen ihrer Fachgebiete zu vermitteln und uns an aktuelle Fragestellungen der Gerowissenschaften heranzuführen.
Ferner danken wir der Studienstiftung und dem SmP-Förderprogramm, mit deren Hilfe das LWWS erst stattfinden konnte.
